B Organisationsethische Fragestellungen der stationären und ambulanten Altenhilfe

Durch die demographischen Veränderungen, die verlängerte Lebensdauer und den gestiegenen Pflegebedarf ergeben sich Herausforderungen und ethische Fragestellungen, die die individuelle Fallgeschichte und die einzelne Betreuungssituation übersteigen Und gleichzeitig die Einrichtungen und Dienste der Altenhilfe massiv betreffen:



Das fachliche Wissen über eine angemessene Versorgung und Betreuung hochaltriger, multimorbider und sterbender Menschen ist gewachsen bzw. verstärkt in den Einrichtungen rezipiert worden; die Spezialisierung in der (palliativen) Geriatrie versucht dem stetig wachsenden Bedarf gerecht zu werden.

Mit dem Blick auf eine Organisationsethik in der Versorgung hochaltriger Menschen treten unterschiedliche Themen und Spannungsfelder für die Ethikberatung auf, die bislang etwa unter dem Stichwort ‚PatientInnen-Sicherheit’ oder Qualitätsmanagement verhandelt wurde:



- Sicherheit im wechselseitigen Umgang vs. Freiheitsbeschränkung
- Kommunikationsanforderungen, z.B. bei demenzieller Erkrankung vs. Kommunikationsabbruch und paternalistischer Entscheidungen
- Gestaltung asymmetrischer Beziehungen vs. Gewalterfahrungen – nicht nur gegenüber PatientInnen und BewohnerInnen
- Nicht erst mit der aktuellen Debatte über Sterbehilfe beschäftigen die Einrichtungen, ihre MitarbeiterInnen sowie die Angehörigen die Themen Sterbewunsch (‚lebenssatt’) über Suizidankündigungen (‚lebensmüde’) bis hin zu faktischen Suizid(-versuchen); dies stellt mindestens eine riesige Belastung für alle Beteiligten dar und zeigt die knappen Ressourcen (z.B. in angemessener gerontopsychiatrischer Betreuung zuhause oder in den Pflegeeinrichtungen)



Dem Anspruch von Pflegeheimen, quasi der letzte persönliche Wohnort zu sein, steht gleichzeitig die faktische Situation entgegen, dass Altenhilfeeinrichtungen eine gewisse Öffentlichkeit haben und zum Beispiel von der Heimaufsicht kontrolliert werden. So spielen hier als Kriterium für gute Pflege ein bestimmter Body Mass Index eine gewichtige Rolle – während im eigenen Zuhause Hochaltrige ohne Sanktion die eigene Ernährung reduzieren und sich damit ans Sterben machen können.



Literaturhinweise

Dinges Stefan, Kittelberger Frank (2012), Ethik in der Palliativen Geriatrie – eine Einführung, in: Palliative Geriatrie: Ein Handbuch für die interprofessionelle Praxis. Fuchs C, Gabriel H, Raischl S, Steil H, Wohlleben U (Hg.), Münchner Reihe Palliative Care Bd. 9, München: Kohlhammer, 239-246

Dinges S (2006) Ethische Entscheidungskulturen – Hindernis oder Unterstützung am Lebensende. In: Knipping, C (Hrsg.) Lehrbuch Palliative Care. Bern: Hans Huber. S. 536–545.

Graf G, Höver G (2006) Hospiz als Versprechen. Zur ethischen Grundlegung der Hospizidee. Wuppertal: Hospiz-Verlag.

Pleschberger S (2005) Nur nicht zur Last fallen. Sterben in Würde aus der Sicht alter Menschen in Pflegeheimen, Freiburg i. Br.: Lambertus.



Zuordnung dieser Seite

Das Internetportal für klinische Ethik-Komitees, Konsiliar- und Liaisondienste ist eine Initiative der Akademie für Ethik in der Medizin (AEM) und wird von Mitgliedern der AG Ethikberatung im Gesundheitswesen getragen.
Diese Seite ist Teil des Internetangebots von www.ethikkomitee.de

(c) bei den Rechteinhabern; Stand der Bearbeitung: 06.2017




Druckbare Version